Das Kunstwerk


1987 / Ute Fritzsch

Die Kandelaber


Ute Fritsch

Ein einmaliges und im Zusammenspiel mit den kantigen Plattenbaufassaden stimmiges Bild wurde nicht nur durch die eigenwilligen Kunstwerke, sondern durch individuelle Gestaltung der Gehwege und der Straßenmöblierung erzielt. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man die Straßenlaternen, besser gesagt Kandelaber, die tatsächlich speziell für diesen Raum entworfen wurden. Ihre Autorin war Ute Fritzsch eine gelernte Werkzeugmacherin mit dem Diplom als Industrieformgestalterin an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, seit 1967 Mitglied im Verband Bildender Künstler.

Sie war in Frankfurt (Oder) für circa 30 verschiedene Leuchten bekannt, die sie für Kirchen und repräsentative, öffentliche Räume schuf. Im Januar 1987 wurde sie zur Teilnahme an der Neugestaltung des nördlichen Abschnitts der Großen Scharrnstraße eingeladen. In diesem Rahmen wurden von ihr Sitzbänke (nicht umgesetzt), Pflanzbehälter sowie vor allem die bis heute erhaltenen Kandelaber entworfen.

Objekt und Kontext

Insgesamt 8 Objekte wurden 1987 entworfen, anschließend im Stahlwerk von Eisenhüttenstadt als Sonderanfertigungen ausgeführt und bis 1989 aufgestellt, und zwar an verschiedenen Orten. Je drei davon erhielt die Große Scharrnstraße und die Schmalzgasse und auf der Kleinen Oderstraße wurden zwei weitere aufgestellt.

Es wurden zwei Größenvarianten vorgesehen. Die kleinere sollte 3,8 m hoch und vierflammig sein, während die größere sechsflammige Version sollte 4,5 m Höhe erreichen. Die Scharrnstraße erhielt die großen Exemplare, die nach den Anweisungen des Architekten Günther Hartzsch in 50 m Abständen voneinander platziert wurden.

 

Die Kandelaber kurz nach der Aufstellung. Foto: Rudolf Hartmetz Archiv

Die Gestalt der Kandelaber sollte von den Bauformen der Umgebung abgeleitet werden. Tatsächlich wurden hier die Linearität und Schärfe der dünnen Plattenelemente sowie die Schrägen der Laubengangabdeckungen und der „Mansarddächer“ aufgegriffen und reflektiert. Somit ergab sich die individuelle Formgebung, die sich an der Geometrie von Dreieckprismen orientiert und von den gängigen Schemata abweicht. „Straßenleuchten, die von der Kugel ausgehen gab es ganz viele und dadurch bin ich als Erste auf dieses Prisma gekommen… Es ist natürlich keine historische Laterne mit einem Sockel, sondern ein moderner Bündel von Vierkantstahl“ - wie Fritzsch im Interview erzählt.

Entwurf von Kandelaber. Zeichnung von Ute Fitzsch.

Die prismatische Gestalt der Leuchtkörper evoziert die Effekte der spektralen Lichtbrechung. Die sechsteiligen Kandelaber wurden auch mit zwei Verglasungsarten ausgestattet; drei Leuchtkasten waren orange und die übrigen drei gelb, wodurch eine differenzierte Lichtmischung angestrebt war.

Interessant ist vor allem die raumgreifende Gestaltung der Leuchtkrone um den kantigen Mittelstab. Die sechsfache Multiplizierung des Leuchtkastens rund um den Mittelstab, der wiederum transparent gespalten ist, ergibt die Form einer komplexen Kristallarchitektur. Derartige, technisch anmutende Formen wie Kristall- oder Wabenstruktur sind für die Designproduktion der 1970er und 80er Jahre, insbesondere für Glasobjekte nicht untypisch.

Für Ute Fritzsch war es wichtig, mit zeitgenössischen Formen zu arbeiten: „In dem Fall (Große Scharrnstraße) ist es ein moderner Raum, und da konnte ich auch eine moderne neue Form nehmen, entwickeln und nicht eine historische Leuchte mit einem Sockel hinstellen.“

Durch die gewählte Gestaltung harmonieren die Kandelaber mit den Fassaden und übertragen zugleich ihre dynamische Wirkung in den Freiraum. Ihre Qualität liegt eben nicht nur daran, dass sie nachts interessant leuchten, sondern auch daran, dass sich ihre raumgreifende Form auch tagsüber souverän darstellt und den Straßenraum belebt.

Besonders gern erinnert sich Ute Fritzsch an das Arbeitsklima bei diesem Projekt: „Es war schon was Besonderes. Zumal wir als eine Gruppe gearbeitet haben. Wir haben uns unsere Arbeiten gegenseitig gezeigt. Diese Gruppenarbeit war sehr positiv. … Herr Vogler und Herr Hartzsch (die zuständigen Projektleiter) haben dabeigesessen und sich alles angehört. Es war ein freies Feld für uns. … Das war eine Gemeinschaftsarbeit, in der jeder seine Sache machte. Das ist völlig anders geworden nach der Wende.“

Bei der Frage nach politischen Instrumentalisierungsversuchen antwortete Fritzsch: „Nein, das war nicht so gewesen. Das war schon in der Zeit als sich alles auflöste.“

Die Designobjekte von Ute Fritzsch zierten die Getrauden- und die Marienkirche sowie das Rathaus, das Kleisthaus und einige Kinderspielplätze in Frankfurt (Oder). Viele ihrer Werke wie z.B. die für die Große Scharrnstraße entworfene Pflanzschalen sind nicht mehr da, was deren Autorin etwas nachdenklich stimmt: „Ich habe auch erlebt, dass viele meiner Werke nach der Wende wegkamen…...

Diesmal wird das anders.

P. Z. R. B.


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